Die Solarpioniere vom Oberrhein haben noch einen großen Traum
Vor 50 Jahren setzten Rolf Disch und Axel Mayer auf eine Energiewende, die damals völlig utopisch schien. Heute hat sich die Solarenergie durchgesetzt, aber zufrieden sind die beiden Pioniere nicht.
Auszüge aus dem Videotranskript:
Axel Mayer, Umweltaktivist:
»Wir haben die Backen dick aufgeblasen. Wir haben gesagt, das ist die Zukunft. Und die Energiekonzerne haben gesagt, das soll die Alternative zur Atomenergie sein? Ihr spinnt doch.«
Rolf Disch, Solararchitekt:
»Also mein Vater hat sich mal vor mich hingestellt, hat gesagt: Weißt du denn, dass man über dich lacht?«
Mitte der Siebzigerjahre setzt Deutschland auf Atomenergie. Die Umweltbewegung ist noch nicht geboren. Und die Sonne als Energiequelle für jedermann gilt als Spinnerei.
Axel Mayer, Umweltaktivist:
»Das war damals eine durchaus reaktionäre Zeit. Und in diesen düsteren Zeiten entstehen starke Bewegungen.«
Eine der ersten starken Bewegungen entsteht damals aus dem Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk in Wyhl, am Oberrhein, nordwestlich von Freiburg. Sie ist der Funke für Solarpioniere in Deutschland.
Axel Mayer, Umweltaktivist:
»Es war eine Zeit, in der der 68er-Protest, der ja nur ein städtischer Protest war, in dem der auf einmal auf dem Land auch stattgefunden hat, wo sich einfach auch große Bevölkerungsteile hinter den Protest gestellt haben. Und das war, das war für die damalige Zeit was, was einmalig ist.«
In Wyhl kämpfen Winzer, Landwirte und Studierende gemeinsam gegen das geplante AKW. Für viele ist es die Geburtsstunde der Umwelt- und Anti-Atom-Bewegung. Axel Mayer, lange Geschäftsführer des BUND-Regionalverbands Südlicher Oberrhein, ist damals als junger Aktivist dabei.
Axel Mayer, Umweltaktivist:
»Da oben stand der Bauwagen oder der Traktor, wo dann die Leute oben draufstanden. Und dann hat man hier die Kundgebungen abgehalten. Und hier waren die Menschen.«
Zehntausende protestieren, der Bauplatz wird besetzt. Am Ende kann der Bau des AKW verhindert werden. Die junge Bewegung feiert ihren ersten großen Erfolg.
Axel Mayer, Umweltaktivist:
»Es war eine Aufbruchstimmung. Aber es war nicht nur dieses Nein zu Atomkraft oder das Nein zur Umweltzerstörung, sondern es war auch ein Ja. Wir haben gesagt, wir müssen die Alternativen aufzeigen.«
Solarenergie ist heute – vor allem in Form von Photovoltaik – nicht mehr wegzudenken. 16 Prozent des produzierten Stroms in der Bundesrepublik stammen aus solchen Anlagen. Und weltweit ist die Technologie dabei, das Rückgrat der Stromversorgung zu werden: 2026 dürften Solarmodule zum ersten Mal mehr Strom erzeugen als alle Atomkraftwerke auf dem Globus zusammen, von Januar bis Mai lag die Sonnenenergie bereits deutlich vorn.
Vor rund 50 Jahren sieht das noch ganz anders aus. Die Solartechnik wird vor allem wissenschaftlich erforscht. Nur die Raumfahrt setzt sie tatsächlich ein. Und einige wenige Pioniere. Aus der Bewegung im Wyhler Wald entsteht 1976 eine der ersten Solarmessen der Welt: die Sasbacher Sonnentage.
Axel Mayer, Umweltaktivist:
»Und da kamen 16.000 Leute. Damals wusste man damals alles noch nicht. Da gab es diese großen Bottiche der Winzergenossenschaft, wo dann Warmwasser erzeugt wurde mit Solaranlagen. Man hat die Hand reingehalten und hat gestaunt.«
Sasbach ist ein Nachbarort von Wyhl. Drei Jahre in Folge werden hier Solarfahrzeuge vorgeführt, Photovoltaikanlagen aufgebaut und Fachvorträge gehalten. Ein Ort für echte Vordenker.
Axel Mayer, Umweltaktivist:
»Das war der Werner Mildebrath aus Sasbach. Das war so ein Dorf-Elektriker, der hat die ersten deutschen Solaranlagen gebaut. Er ist der Typ Daniel Düsentrieb.«
Auch Architekt Rolf Disch fühlt sich von der damaligen Aufbruchstimmung bestärkt. In seinem Leben dreht sich von da an alles um die Nutzung der Sonne. Oder zur Sonne – wie Dischs selbst konstruiertes Wohnhaus.
Rolf Disch, Solararchitekt:
»Das Haus steht auf einem Schwenklager und es kann sich der Sonne nach drehen. Und das Eingangspodest, das dreht sich mit. Hier ist natürlich alles flexibel. Das ist die Schaltzentrale. Damit kann ich das Haus bewegen. Links rum, rechts rum. Oder auch das Panel oben«.
Auch die PV-Anlage auf dem Dach kann sich unabhängig neigen und drehen.
Rolf Disch, Solararchitekt:
»Am Haus sind Vakuum-Röhren-Kollektoren, die die Wärme aufnehmen für das Warmwasser und auch für mögliche Heizung. Das wird dann auch eingelagert in den Speicher und man kann das dann praktisch wieder im Haus nutzen.«
Bei Fertigstellung 1994 ist es das erste Plusenergiehaus der Welt. Auch die nahe gelegene »Solarsiedlung« im Freiburger Stadtteil Vauban hat Disch Ende der Neunzigerjahre entworfen. Sie gilt als frühes Vorbild für Plusenergie-Projekte. Die Idee ist,
Rolf Disch, Solararchitekt:
»… dass ich mehr Energie erwirtschafte und diese Energie auch für andere Zwecke, zum Beispiel für die Mobilität mitdenke. Die Energie mitproduziere mit dem Gebäude.«
Mobilität – eine weitere Leidenschaft von Disch. Bevor er Solarhäuser baut, gewinnt er Autorennen. Natürlich: Solarautorennen.
Rolf Disch, Solararchitekt:
»Das war also schon eine Sensation. Also man wusste ja damals auch noch nicht, wie solche Fahrzeuge aussehen, dass man möglichst viel Sonnenenergie auffängt und dass man wenig Energie auch verbraucht. Aber das war eine spannende Zeit.«
Eine Zeit, in der verrückte Ideen entstehen, Tüftler wie Disch Neues testen und die ersten Forschungsinstitute die Solartechnik voranbringen.
Sie alle machen Deutschland zu einem Vorreiter. In den Neunzigerjahren kommen die ersten Fördergesetze. Im Jahr 2000 folgt das EEG, das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Das garantiert eine Vergütung für ins Netz eingespeisten Strom aus Erneuerbaren. Der Ausbau von Photovoltaik wird zusätzlich gefördert.
Rolf Disch, Solararchitekt:
»Und dann hat es nach und nach einen richtigen Boom gegeben im Bereich Sonnenenergie und Windenergie.«
Bei Solarzellen und Solarmodulen sind damals zahlreiche deutsche Hersteller international führend. Die deutsche Energiewende bekommt weltweit Beachtung.
Axel Mayer, Umweltaktivist:
»Ich denke, wir haben einfach ein bisschen mitgeholfen, dieser Geschichte, die heute so fortschrittlich ist, einen Impuls zu geben. Und ich muss sagen, ich bin auch stolz darauf, ein bisschen mitgeholfen zu haben. Nur ein bisschen am Rande, aber es ist einfach toll, wenn man so was zu Lebzeiten noch erlebt.«
Rolf Disch, Solararchitekt:
»Auf der einen Seite sind wir da natürlich stolz, dass ich da was entwickelt hat. Auf der anderen Seite haben wir uns immer vorgestellt, dass alles viel schneller geht. Aber wir wurden auch ausgebremst, stark ausgebremst.«
In den Zehnerjahren senken die Merkel-Regierungen die Einspeisevergütungen mehrfach teils stark. Auch die Förderung für neue Photovoltaikanlagen wird begrenzt – angeblich, um den Ausbau besser steuern zu können.
Rolf Disch, Solararchitekt:
»Man wollte nicht, dass sich das weiterentwickelt. Und dann gab es natürlich auch den Einbruch. Viele Arbeitsplätze in dem Zukunftsbereich gingen eigentlich verloren. Oder sie sind dann nach China ausgewandert.«
Axel Mayer, Umweltaktivist:
»Nach meiner Ansicht haben da die großen, alten Energiekonzerne zu starken Einfluss auf die Politik genommen.«
In den folgenden Jahren kommt der Solar-Ausbau nur schleppend voran – trotz Atomausstieg und geplantem Kohle-Aus. Erst ab 2022 zieht er wieder deutlich an, allerdings fast ohne deutsche Technik. Knapp 90 Prozent der hier verbauten Module kommen heute aus China.
Rolf Disch, Solararchitekt:
»Wir sind abhängig von China und das muss eigentlich wieder geändert werden.«
Weniger als 25 Prozent der Energie für Strom, Wärme und Verkehr stammen heute aus Erneuerbaren. Damit wollen sich Mayer und Disch längst nicht zufriedengeben.
Rolf Disch, Solararchitekt:
»Weil wir der Meinung sind, dass es 100 Prozent sein müssen.«
Zwar wird auch in Deutschland an immer effizienteren Solarzellen geforscht, doch die Politik der aktuellen Bundesregierung macht den beiden wenig Hoffnung.
Axel Mayer, Umweltaktivist:
»Frau Reiche schaltet wieder einmal den Rückwärtsgang ein. Das heißt, bisher haben wir Solarenergie auf den Dächern erzeugt und haben dafür eine geringe Einspeisevergütung bekommen. Das soll zurückgedrängt werden. Und so wird das Energieerzeugungsmonopol der großen Energiekonzerne wiederhergestellt. Und das ist einfach ärgerlich.«
Zweifel daran, dass sich die erneuerbaren Energien langfristig durchsetzen werden, haben beide nicht. Schon allein aus finanziellen Gründen.
Axel Mayer, Umweltaktivist:
»Strom aus Wind und Sonne ist global gesehen einfach kostengünstiger und billiger als der Gefahrstrom aus Kohle, Öl, Gas und Atom.«
Rolf Disch, Solararchitekt:
»Die Sonne schickt keine Rechnung. Wir können die nutzen, und jeder kann sie nutzen. Das ist ja der Witz. Dezentral auf der ganzen Welt kann die Sonnenenergie genutzt werden. Ja, das ist die Zukunft.
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