Prolixletter
Dienstag, 19. Oktober 2021
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Erkl├Ąrung der Freiburger Stadtdekane
zur Diskussion um die vorgeschlagene Umbenennung von Freiburger Stra├čennamen

In Freiburg findet gerade eine breite ├Âffentliche Diskussion um hiesige "belastete" Stra├čennamen statt. Am 15. November wird der Freiburger Gemeinderat ├╝ber das Gutachten einer st├Ądtischen Expertenkommission debattieren das die ├änderung von 12 Stra├čennamen empfiehlt.
In die Diskussion schalten sich jetzt auch der evangelische Stadtdekan Markus Engelhardt und der katholische Stadtdekan und Dompfarrer Wolfgang Gaber ein. Nachfolgend eine gemeinsame Erkl├Ąrung der beiden.
In der "Erkl├Ąrung der Freiburger Stadtdekane zur Diskussion um die vorgeschlagene Umbenennung von Freiburger Stra├čennamen" erl├Ąutern die beiden Theologen, warum sie die Vorschl├Ąge der Historiker-Kommission mit "einiger Skepsis betrachten"

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Mit einiger Skepsis betrachten wir als Dekane der evangelischen und der katholischen Kirche in Freiburg die Vorschl├Ąge der mit der Pr├╝fung der Freiburger Stra├čennamen beauftragten Historiker-Kommission. Nat├╝rlich sind die 12 zur Umbenennung vorgeschlagenen Namen differenziert zu sehen. Den prominentesten ÔÇ×FallÔÇť aber m├Âchten wir kritisch aufgreifen. Dass der weltber├╝hmte Freiburger Philosoph Martin Heidegger, 1933 Rektor der Universit├Ąt, nicht nur mindestens zeitweilig ├╝berzeugter Nazi war und bis zum Schlu├č der NSDAP angeh├Ârte, sondern stark antisemitisch eingef├Ąrbt war, war seit Jahrzehnten jedem, der es wissen wollte, bekannt. Heideggers notorischer Umgang ab 1933 mit seinem philosophischen Freiburger Lehrer Edmund Husserl wirft darauf ein entsprechendes Licht. Dieser Tatbestand hat auch durch die zwischenzeitliche Publikation von Heideggers sog. Schwarzen Heften keine neue ÔÇ×Qualit├ĄtÔÇť erhalten. Zugleich ist es ├╝ber Jahrzehnte kein Thema der Freiburger Zivilgesellschaft gewesen, deshalb einen Martin-Heidegger-Weg als unserer Stadt unw├╝rdig anzusehen. Heideggers Rang als einer der wirkm├Ąchtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, der auch Jahrzehnte nach seinem Tod weltweit und besonders bei unseren franz├Âsischen Nachbarn gelesen und fruchtbar rezipiert wird, ist unstrittig, gleich welche Haltung man sachlich zu seinem Denken einnimmt. Als Theologen stellen wir fest: ohne die Heiderggersche Existentialphilosophie ist die neuere evangelische wie katholische Theologie und Bibelexegese nicht vorstellbar. Zwei Theologen von Weltrang wie katholischerseits Karl Rahner und evangelischerseits Rudolf Bultmann w├Ąren ohne den Hintergrund von Heideggers Denken gar nicht zu verstehen!

Nun wird die Kommission die Bedeutung des Philosophen Heidegger kaum in Zweifel ziehen. Aber gegen den Philosophen wird die mangelnde Integrit├Ąt der Person Heidegger wegen seiner politischen Haltung und seines Antisemitismus ins Feld gef├╝hrt. Dies halten wir f├╝r bedenklich. Um das an einem noch prominenteren Beispiel deutlich zu machen: Martin Luther, der im kommenden Jubil├Ąumsjahr der Reformation weltweit im Fokus steht, wurde im Lauf seines Lebens zu einem schlimmen Judenfeind, dessen Antisemitismus dem Heideggers nachweislich nicht nachstand. M├╝sste nach der Logik der Kommission nicht konsequenterweise auch die Lutherkirchstra├če beim Uni-Klinikum umbenannt werden? Aus unserer Sicht w├Ąren solche Entscheidungen weder historisch noch moralisch eine ├╝berzeugende L├Âsung.

Freiburg hat einen herausragenden Ruf als ausgepr├Ągt liberale Stadt zu verteidigen. Viele unterschiedliche, auch divergierende Meinungen und Weltanschauungen koexistieren fruchtbar in unserer Stadt. Liberalit├Ąt als Grundhaltung hat neben anderen auch eine wichtige Wurzel im gerne beschworenen j├╝disch-christlichen Menschenbild: Der Mensch ist nicht perfekt, er ist zu Gro├čem ebenso wie zu Schrecklichem f├Ąhig. Das biblische Bild vom Menschen wei├č um dessen einzigartige Gottebenbildlichkeit und Begabung zum Guten ebenso wie um seine prinzipielle Verf├╝hrbarkeit und Anf├Ąlligkeit, schuldig zu werden. Und: jeder Mensch ist noch mehr als die Summe seiner Erfolge und seiner Abgr├╝nde. Er bleibt ein letztlich unverf├╝gbares Geheimnis, das sich menschlicher Letztbeurteilung entzieht und auf das Erbarmen Gottes angewiesen ist. Als Vertreter der beiden gro├čen Kirchen w├╝nschen wir uns, da├č auch dieser anthropologische Sachverhalt die ├ťberlegungen des Gemeinderates beeinflusst, wenn ├╝ber die Vorschl├Ąge der Kommission zu entscheiden ist.

ÔÇ×Ich bin kein ausgekl├╝gelt Buch / Ich bin ein Mensch mit seinem WiderspruchÔÇť (C.F. Meyer): das Dichterwort gilt f├╝r jeden Menschen. Was werden die Nachgeborenen dereinst ├╝ber uns urteilen? Welche Zusammenh├Ąnge in Schuld, die uns heute evt. gar nicht bewu├čt sind, werden sp├Ątere Generationen einmal uns vorhalten? Auch wir w├╝rden uns Barmherzigkeit und ein differenziertes Hinsehen und Urteilen w├╝nschen. Von einer solchen Haltung kann ein Gemeinwesen nur profitieren. Deshalb halten wir es f├╝r die politisch kl├╝gere und moralisch glaubw├╝rdigere Option, vom ÔÇ×Ausl├ÂschenÔÇť umstrittener Stra├čennamen nach Art des Internets Abstand zu nehmen und die betr. Stra├čenschilder mit erg├Ąnzenden Auskunftstafeln zu versehen, die auch Kritikw├╝rdiges benennen.

Markus Engelhardt
Stadtdekan der Evangelischen Kirche in Freiburg

Wolfgang Gaber
Stadtdekan der Katholischen Kirche in Freiburg
 
Eintrag vom: 18.10.2016  




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